Freitag, 17. August 2018

"Unterwegs mit Molli"

Oktober 2017
Heute ist ein trüber grauer Tag, hin und wieder garniert mit Nieselregen. Ein kleiner Jack Russell Terrier, der mal unter der Sonne Südafrikas wohnte, schaut unsicher von einem zum anderen. Etwas fragendes liegt in seinem Blick, warum stehen wir vor diesem Haus bei diesem Wetter und laufen nicht weiter. Ihm ist aber nicht klar, dass das Haus ein Bahnhof ist und das entfernte Pfeifen „Molli“ ankündigt, den Dampfzug der Mecklenburger Bäderbahn. Und dieser rauscht kurz darauf dampfend am Bahnsteig ein. 
Die wartenden Touristen, die alle dem Wetter mit einem Bahnausflug trotzen wollen, stürzen zu den Plattformen der Wagen und besteigen diese. Menschen jeden Alters sind darunter, alle Generationen stecken in Allwetter Outdoorjacken. Sogar die Älteren. Erst kürzlich habe ich gelesen, das Auswählen von gleich aussehenden Outdoorjacken ist die Romantik des Alters. Naja, mal sehen wie es ist, wenn man älter ist. Bisher sieht man halt manchmal nur alt aus. Wie die Dampflok des Zuges. Neben einiger wirklich alter Dampflokomotiven der Bäderbahn ist dieses Exemplar ein relativ moderner Nachbau. Sieht aber Original alt aus. 
Weiter werden die Wagen erstürmt. Der kleine Jack Russell Terrier schaut weiter irritiert. Nun sind wir zwar nicht mehr draußen, aber warum wir in diese seltsamen Wagen gestiegen sind, erschließt sich ihm auch nicht. Zur Sicherheit schnüffelt er erstmal alles ab. Man weiß nie. Der Waggon hat am Eingang ein bisschen Platz für Kinderwagen. Dort hat sich aber bereits eine Senioren Reisegruppe breit gemacht. Dies stellt nun ein Hindernis dar für die Familie mit Kinderwagen, die von draußen nachrücken will. Und nicht kann. Mit einem holprigen Versuch von Hochdeutsch versucht die Schweizer Mutter die Senioren zum "uffrückä" zu bewegen "wägga däm Chinderwagge". Die Senioren merken an, dass da noch kein Kinderwagen war, als sie kamen. Die Schaffnerin schaltet sich von draußen ein. "der Kinderwagen bleibt nicht draußen, geben Sie die Plätze frei!!" Man kann hören, dass dies bewusst nicht als Frage formuliert wurde. Tatsächlich kann der Kinderwagen nun herein. Aber gerade so nur, der Mindestplatz wird gewährt. Verständnisloses Gemurmel bei den Senioren. Ein Schaffner kontrolliert die Fahrkarten im nun gut gefüllten Waggon. Und quittiert es mit der Anmerkung: " Hinten im Zug ist Platz, warum wollen alle immer vorne einsteigen". Nun lebt die Schweizer Mutter auf und lässt ihrem Frust freien Lauf. "Sehen sie, hinten im Zug ist Platz und sie müssen hier alles blockieren, wo der Platz für die Kinderwagen ist. Wir können nicht nach hinten. So siehts also aus, das Sozialland Deutschland." Mittlerweile hört so ziemlich jeder im Waggon zu. Verschiedene Reaktionen von Gemurmel bis Gelächter und Kopfschütteln. Die Senioren halten weiter dagegen. Ein Herr weiter vorne, der den Beginn wohl verpasst hat, fragt nach, worum es denn gehe. Die Schweizer Mutter, weiter in Fahrt, ruft laut:" Das hätte ich nicht gedacht, dass es in Deutschland so rücksichtslos ist." Dem Mann, der nicht weiß, worum es geht, wird von einer Seniorin erklärt, es ginge um den Kinderwagen, der dort geparkt steht. Dabei schüttelt sie den Kopf und lacht, eher unsicher, als belustigt. Rauch zieht vorbei. Ich denke noch, dass die Mutter nun sehr wütend sein muss, erinnere mich aber nun an die Dampflok mit dem Spitznamen Molli, die uns nun schnaufend und pfeifend durch die Landschaft zieht. "Wat hat denn det jetzt mit Deutschland zu tun", fragt nun ein Berliner mit Blick zum Kinderwagen. Die Diskussion kommt nicht zum Erliegen. Ein schöner kleiner europäischer Konflikt im Dampfzug, denke ich mir. Schlagzeilen erscheinen vor dem inneren Auge: „Katalonen wollen Unabhängigkeit“, „die Schweizer stürmen Deutschland mit Kinderwagen.“ Eine Station vor der Endstation verlassen dann die Kinderwagen und auch die Reisegruppe den Waggon. 
Die letzten 4 Minuten Fahrt wirken auf einmal sehr friedlich, nur Molli schnauft und faucht noch. Als wir die Endstation erreichen, ist der kleine Jack Russell Terrier erleichtert, endlich aus dem komischen Wagen herauszukommen. Er wirkt immer noch, als stelle er Wetter und diesen merkwürdigen Ausflug in Frage, aber wenn das ganze "Rudel" da lang will, wird es schon passen....


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